Codara Summary
Sachverhalt, Spruch und rechtliche Beurteilung – kompakt zusammengefasst.
Der Oberste Gerichtshof hat am 14. Jänner 2014 durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Dr. Zehetner als Vorsitzenden sowie die Hofräte des Obersten Gerichtshofs Dr. Schwab und Mag. Lendl und die Hofrätinnen des Obersten Gerichtshofs Mag. Michel und Mag. Fürnkranz als weitere Richter, in Gegenwart der Richteramtsanwärterin Mag. Sattlberger als Schriftführerin, in der Strafsache gegen Milutin M***** und Erich S***** wegen des Verbrechens des Suchtgifthandels nach § 28a Abs 1 fünfter Fall, Abs 2 Z 3 SMG, § 15 StGB und andere strafbare Handlungen über die Nichtigkeitsbeschwerden und die Berufungen der Angeklagten gegen das Urteil des Landesgerichts für Strafsachen Wien als Schöffengericht vom 1. Oktober 2013, GZ 71 Hv 51/13h 160, nach Anhörung der Generalprokuratur in nichtöffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Die Nichtigkeitsbeschwerden werden zurückgewiesen.
Zur Entscheidung über die Berufungen werden die Akten dem Oberlandesgericht Wien zugeleitet.
Den Angeklagten fallen die Kosten des bisherigen Rechtsmittelverfahrens zur Last.
Gründe:
Mit dem angefochtenen Urteil wurden Milutin M***** des Verbrechens des Suchtgifthandels nach § 28a Abs 1 fünfter Fall, Abs 2 Z 3 SMG, § 15 StGB (A./I./1./1.1./2./2.1./ und II./) und Erich S***** der Verbrechen des Suchtgifthandels nach § 28a Abs 1 fünfter Fall SMG (A./I./1./1.2./ und 2./2.2./), des Vergehens des unerlaubten Umgangs mit Suchtgiften nach § 27 Abs 1 Z 1 erster und zweiter Fall SMG (B./I./), des Vergehens der Vorbereitung von Suchtgifthandel nach § 28 Abs 1 erster Satz erster und zweiter Fall SMG (B./II./) sowie des Vergehens nach § 50 Abs 1 Z 1 WaffG (C./) schuldig erkannt.
Danach haben Milutin M***** und Erich S***** in Wien
A./ vorschriftswidrig Suchtgift in einer die Grenzmenge (§ 28b SMG) übersteigenden Menge anderen Erich S***** überwiegend durch gewinnbringenden Verkauf
I./ überlassen und zwar
1./ Kokain mit einem durchschnittlichen Reinheitsgehalt von 20 % Cocain, sowie Cannabisharz mit einem durchschnittlichen Reinheitsgehalt von 5 % Delta 9 THC sowie Erich S***** Substitol à 200 mg mit Morphinsulfatpentahydrat, nämlich
1.1./ Milutin M***** von zumindest April 2012 bis 11. März 2013 in zahlreichen Angriffen Erich S*****
a./ 305 Gramm Cannabisharz mit einer Reinsubstanz von 15,25 Gramm Delta 9 THC;
b./ 338 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 67,60 Gramm Cocain;
1.2./ Erich S*****
a./ von April 2012 bis Mitte Juli 2012 Mario R*****
aa./ 200 Gramm Cannabisharz mit einer Reinsubstanz von 10 Gramm Delta 9 THC;
bb./ 28 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 5,6 Gramm Cocain;
b./ Sandra N*****
aa./ von Ende 2007 bis Ende 2009 50 Gramm Cannabisharz mit 2,5 Gramm Delta 9 THC;
bb./ von Juli 2012 bis Ende Dezember 2012 39 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 7,80 Gramm Cocain;
c./ Markus N*****
aa./ von März 2006 bis Juli 2012 1.660 Gramm Cannabisharz mit einer Reinsubstanz von 83 Gramm Delta 9 THC;
bb./ Mitte Dezember 2012 ein Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 0,2 Gramm Cocain;
d./ von Jänner 2012 bis Februar 2013 Michaela N*****
aa./ 61 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 12,2 Gramm Cocain;
bb./ 6 Stück Substitoltabletten à 200 mg mit einer Reinsubstanz von 1,2 Gramm Morphinsulfatpentahydrat (entspricht 0,9 Gramm Morphin);
e./ von Juli 2011 bis 8. März 2013 Irene F***** 240 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 48 Gramm Cocain;
g./ von September 2011 bis 13. Dezember 2012 Siegfried H***** 75 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 15 Gramm Cocain;
h./ Mario K*****
aa./ von Juli bis August 2011 20 Gramm Cannabisharz mit einer Reinsubstanz von 1 Gramm Delta 9 THC;
bb./ von Juli 2011 bis Februar 2013 80 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 16 Gramm Cocain;
i./ Goran Ma*****
aa./ im Jänner 2013 10 Gramm Cannabisharz mit einer Reinsubstanz von 0,5 Gramm Delta 9 THC;
bb./ von Juni 2012 bis Dezember 2012 4 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 0,8 Gramm Cocain;
j./ im Mai 2012 Helene Ni***** zumindest 3 Gramm Kokain mit einer Reinsubstanz von 0,6 Gramm Cocain;
k./ zwischen April und Ende Dezember 2012 Heinz B***** 15 Gramm Cannabisharz mit einer Reinsubstanz von 0,75 Gramm Delta 9 THC;
2./ Kokain mit nachstehend angeführtem Reinheitsgehalt, nämlich
2.1./ Milutin M***** zu nicht mehr feststellbaren Zeitpunkten ab April 2012 bis 11. März 2013 Erich S***** das unter Punkt A./I./2./2.2./ und B./I./ angeführte Kokain (2,85 Gramm reines Cocain);
2.2./ Erich S*****
a./ am 18. Juni 2012 Martina Ho***** 1 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 25,19 % und einer Reinsubstanz von 0,25 Gramm Cocain;
b./ am 13. Dezember 2012 Siegfried H***** 2 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 15,69 % und einer Reinsubstanz von 0,31 Gramm Cocain;
c./ am 14. Dezember 2012 Sandra N***** 1,8 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 26,18 % und einer Reinsubstanz von 0,47 Gramm Cocain;
II./ zu überlassen versucht, und zwar Milutin M***** am 11. März 2013 einer registrierten Vertrauensperson des Bundeskriminalamtes 298,6 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 64,8 % und einer Reinsubstanz von 193,49 Gramm Cocain, wobei es nur deshalb beim Versuch blieb, weil er unmittelbar vor der Übergabe des Suchtgifts festgenommen wurde, wobei Milutin M***** die Straftat nach § 28a Abs 1 fünfter Fall SMG in Bezug auf Suchtgift in einer das Fünfzehnfache der Grenzmenge übersteigenden Menge (große Menge) beging;
B./ Erich S***** vorschriftswidrig Suchtgift
I./ zu nicht mehr feststellbaren Zeitpunkten nach April 2012 erworben und bis zum 12. März 2013 besessen, und zwar
1./ 4,1 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 20,35 % und einer Reinsubstanz von 0,83 Gramm Cocain;
2./ 3,6 Gramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von 27,61 % und einer Reinsubstanz von 0,99 Gramm Cocain;
II./ im Jahr 2012 in wiederholten Angriffen in einer die Grenzmenge (§ 28b SMG) übersteigenden Menge mit dem Vorsatz erworben und besessen, dass es in Verkehr gesetzt werde, indem er von Heinz B***** insgesamt 150 Stück Substitoltabletten á 200 mg mit einer Reinsubstanz von insgesamt 22,5 Gramm Morphinsulfatpentahydrat erwarb und besaß, um diese anderen Personen zu überlassen;
C./ Erich S***** von einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt bis zum 12. März 2013 unbefugt eine Pistole Walther PP, somit eine genehmigungspflichtige Schusswaffe, besessen.
Dagegen richten sich die aus Z 5, von Erich S***** auch aus Z 5a des § 281 Abs 1 StPO erhobenen Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten. Diesen kommt keine Berechtigung zu.
Zur Nichtigkeitsbeschwerde des Milutin M*****:
Entgegen der Mängelrüge (Z 5 vierter Fall) ist die auf die Angaben des Zeugen Guido St*****, auf den Inhalt zahlreicher Telefonüberwachungsprotokolle (US 14) sowie auf den Umstand der Überlassung von 300 Gramm Kokain an eine registrierte Vertrauensperson gegründete, sohin mit Denkgesetzen und allgemeinen Erfahrungssätzen im Einklang stehende Annahme der Tatrichter, wonach Erich S***** das Suchtgift vom Beschwerdeführer bezog (US 15), unter dem Aspekt der Begründungstauglichkeit nicht zu beanstanden.
Zu einer gesonderten Erörterung weiterer aus dem Zusammenhang gerissener Passagen der Aussage des Polizeibeamten St*****, wie etwa zum negativen Verlauf von Ermittlungen, die letztlich zum Scheinkauf geführt hatten, bestand der Beschwerde (Z 5 zweiter Fall) zuwider keine Veranlassung. Im Übrigen übergeht das Vorbringen die Kernaussage dieses Zeugen, wonach die zunächst nur vermutete Tätigkeit des Milutin M***** als Lieferant des S***** auch durch die über ein Jahr erfolgte Gesprächsüberwachung erwiesen werden konnte (ON 147 S 38).
Indem die Mängelrüge aus den Angaben der Zeugin Irene F***** andere Schlüsse als der Schöffensenat zieht und etwa vorbringt, „Jugoslawen gibt es wie Sand am Meer“, zeigt sie keinen Begründungsmangel auf, sondern bekämpft die tatrichterliche Beweiswürdigung nach einer im kollegialgerichtlichen Verfahren nicht vorgesehenen Schuldberufung.
Zur Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten Erich S*****:
Soweit die Beschwerde zwischen den Nichtigkeitsgründen der Z 5 und 5a des § 281 Abs 1 StPO nicht differenziert, verkennt sie den unterschiedlichen Anfechtungsrahmen.
Mit ihrer Bezugnahme auf die Passagen der Aussage der Zeugen Mario R*****, Sandra N*****, Markus N*****, Michaela N*****, Irene F*****, Siegfried H*****, Mario K*****, Goran Ma*****, Helene Ni*****, Heinz B*****, Martina Ho*****, die ihre belastenden Angaben in der Hauptverhandlung zum Teil abschwächten, zeigt die Rüge (Z 5 zweiter Fall) keine unberücksichtigt gebliebenen Verfahrensergebnisse auf (vgl US 15 bis 22). Dass im Hinblick auf diese gemilderten Belastungen auch für den Angeklagten günstigere Schlussfolgerungen möglich gewesen wären, die Erkenntnisrichter sich aber dennoch mit einer logisch und empirisch einwandfreien Begründung gestützt auf die Aussagen der Zeugen bei ihrer polizeilichen Vernehmung für eine dem Beschwerdeführer ungünstigere Variante entschieden haben, ist als Akt freier Beweiswürdigung (§ 258 Abs 2 StPO) mit Mängelrüge nicht bekämpfbar. Eine Überprüfung der tatrichterlichen Beweiswürdigung, wie sie die im einzelrichterlichen Verfahren vorgesehene Schuldberufung ermöglicht, ist im Verfahren vor dem Kollegialgericht nicht vorgesehen (vgl § 283 Abs 1 StPO).
Entgegen dem Vorbringen bekräftigte die Zeugin Sandra N***** auch in der Hauptverhandlung ihre Angaben, wonach sie in einem Zeitraum von 26 Wochen vom Beschwerdeführer wöchentlich etwa zwischen 1,5 und 2 Gramm Kokain bezogen habe (vgl ON 147 S 28).
Die Mängelrüge ist nur dann gesetzmäßig ausgeführt, wenn sie die Gesamtheit der Entscheidungsgründe berücksichtigt (RIS-Justiz RS0119370). Diesen Anfechtungskriterien wird die Rüge nicht gerecht, weil sie die Begründung der Feststellungen zur Überlassung von Suchtgift an Martina Ho***** bekämpft, aber die dazu auf US 20 dargelegten Erwägungen der Tatrichter übergeht.
Auch unter dem Aspekt der Z 5a des § 281 Abs 1 StPO betrachtet, gelingt es dem Beschwerdeführer durch das bisher Erörterte nicht, beim Obersten Gerichtshof erhebliche Bedenken gegen die Richtigkeit des Ausspruchs über entscheidende Tatsachen zu erwecken.
Soweit die Tatsachenrüge (Z 5a) nach Art einer Aufklärungsrüge ganz allgemein kritisiert, das Erstgericht habe die ihm zugänglichen Beweismittel unvollständig ausgeschöpft, unterlässt sie die gebotene Darlegung, wodurch der Beschwerdeführer an einer entsprechenden Antragstellung in der Hauptverhandlung gehindert gewesen wäre (RIS Justiz RS0115823).
Die Nichtigkeitsbeschwerden waren daher bereits bei nichtöffentlicher Beratung sofort zurückzuweisen (§ 285d Abs 1 StPO), woraus die Zuständigkeit des Oberlandesgerichts zur Entscheidung über die Berufungen folgt (§ 285i StPO).
Die Kostenentscheidung beruht auf § 390a Abs 1 StPO.
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