Der Oberste Gerichtshof hat am 1.Juli 1997 durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofes Dr.Massauer als Vorsitzenden und durch die Hofräte des Obersten Gerichtshofes Dr.Mayrhofer, Dr.Holzweber, Dr.Ratz und Dr.Philipp als weitere Richter, in Gegenwart des Richteramtsanwärters Mag.Sturmayr als Schriftführer, in der Strafsache gegen Franz P***** und andere Angeklagte wegen des Verbrechens des Mißbrauchs der Amtsgewalt nach § 302 Abs 1 StGB über die Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Landesgerichtes für Strafsachen Graz als Schöffengericht vom 4.Oktober 1996, GZ 6 Vr 838/96-72, nach öffentlicher Verhandlung in Anwesenheit des Vertreters des Generalprokurators, Generalanwalt Dr.Fabrizy, der Angeklagten Udo V*****, Wolfgang D*****, Hannes T*****, Harald M*****, Bruno L*****, Friedrich M*****, Daniel P*****, Othmar M*****, Friedrich M*****, Siegfried Sch*****, Wilhelm M*****, Peter W***** und Herbert R*****, der Verteidiger Dr.Lehofer, Dipl.-Ing.Dr.Benda, Dr.Unterasinger, Dr.Niederbichler, Mag.Berchtold und Dr.Ragossnig, jedoch in Abwesenheit der Angeklagten Franz P*****, Manfred G*****, Konrad T*****, Ingomar K*****, Hubert Sch*****, Harald R***** und Franz St***** zu Recht erkannt:
Der Nichtigkeitsbeschwerde wird Folge gegeben, das angefochtene Urteil aufgehoben und eine neue Hauptverhandlung vor dem Erstgericht angeordnet.
Gründe:
Mit dem angefochtenen Urteil wurden die Angeklagten Franz P*****, Udo V*****, Manfred G*****, Konrad T*****, Wolfgang D*****, Ingomar K*****, Hannes T*****, Harald M*****, Bruno L*****, Hubert Sch*****, Friedrich M*****, Daniel P*****, Harald R*****, Othmar M*****, Franz St*****, Friedrich M*****, Siegfried Sch*****, Wilhelm M*****, Peter W***** und Herbert R***** vom Anklagevorwurf des Verbrechens des Mißbrauchs der Amtsgewalt nach § 302 Abs 1 StGB gemäß § 259 Z 3 StPO freigesprochen.
Entscheidungsgegenstand war der Vorwurf, die genannten Angeklagten hätten
A) als Beamte des Zollamtes ***** mit dem Vorsatz, dadurch die Republik Österreich "an ihrem Recht auf Einhaltung der Bestimmungen des Zollgesetzes und des Finanzstrafgesetzes bei der Durchführung und Abwicklung von Zollverfahren" (gemeint: am konkreten Recht auf Überprüfungsmaßnahmen) zu schädigen, ihre Befugnis, im Namen des Bundes in Vollziehung der Gesetze Amtsgeschäfte vorzunehmen, wissentlich mißbraucht, indem sie unter Mißachtung des § 119 Zollgesetz (gemeint: § 56 iVm § 119 Zollgesetz) in der jeweils geltenden Fassung bei Hausbeschauabfertigungen zollrechtliche Abfertigungen vornahmen, obwohl die zur Verzollung angemeldeten Waren und deren Beförderungsmittel nicht gestellt waren, wobei sie in den zollrechtlichen Dokumenten wahrheitswidrig bestätigten, daß der Stellungspflicht entsprochen und die Übereinstimmung der zollrechtlichen Dokumente bzw der deklarierten Waren und Beförderungsmittel mit den gestellten Waren und Beförderungsmitteln überprüft worden sei, statt gemäß §§ 80 FinStrG und 25 ZollG Anzeigen zu erstatten, und zwar
1. als Kommissionsleiter (B-Beamter) jeweils allein
a) Franz P***** im Zeitraum vom 15.Jänner 1994 bis 2.April 1994 bei 17 Einzelverzollungsvorgängen,
b) Udo V***** im Zeitraum vom 13.Februar 1993 bis 12.Februar 1994 bei 11 Einzelverzollungsvorgängen,
c) Manfred G***** am 5.Februar 1994 bei vier Einzelverzollungsvorgängen,
d) Konrad T***** im Zeitraum vom 14.März 1992 bis 29.Jänner 1994 bei sechs Einzelverzollungsvorgängen,
e) Wolfgang D***** im Zeitraum vom 24.März 1993 bis 30.März 1994 bei 12 Einzelverzollungsvorgängen,
f) Ingomar K***** im Zeitraum vom 8.März 1993 bis 8.April 1994 bei 25 Einzelverzollungsvorgängen,
g) Hannes T***** am 25.Jänner 1994 bei fünf Einzelverzollungsvorgängen,
h) Harald M***** im Zeitraum vom 20.Februar 1993 bis 4.Februar 1994 bei 12 Einzelverzollungsvorgängen,
i) Bruno L***** im Zeitraum vom 4.Februar 1992 bis 17.März 1994 bei 22 Einzelverzollungsvorgängen,
j) Hubert Sch***** im Zeitraum vom 31.Juli 1993 bis 9.Dezember 1994 bei vier Einzelverzollungsvorgängen,
k) Friedrich M***** im Zeitraum vom 6.März 1992 bis 13.Mai 1993 bei 13 Einzelverzollungsvorgängen,
l) Daniel P***** im Zeitraum vom 12.Oktober 1992 bis 12.August 1994 bei 69 Einzelverzollungsvorgängen,
m) Harald R***** im Zeitraum vom 15.März 1993 bis 12.April 1994 bei 15 Einzelverzollungsvorgängen;
2. als Kommissionsleiter (B-Beamter) jeweils im bewußten und gewollten Zusammenwirken als unmittelbare Täter mit nachgenannten Zoll- und Zollwacheorganen (C-Beamter)
aa) Franz P***** mit Franz St***** im Zeitraum vom 25.März 1989 bis 19. Februar 1994 bei 14 Einzelverzollungsvorgängen,
ab) Franz P***** mit dem nicht dolos handelnden Karl Z***** am 15. Juli 1989 bei einem Einzelverzollungsvorgang,
ac) Franz P***** mit Friedrich M***** in der Zeit vom 2.April 1994 bis 18.Juni 1994 bei vier Einzelverzollungsvorgängen,
ad) Franz P***** mit der nicht dolos handelnden Brigitte St***** (K*****-K*****) am 5.Mai 1994 bei fünf Einzelverzollungsvorgängen und am 13.August 1994 bei zwei Einzelverzollungsvorgängen,
ba) Udo V***** mit Franz St***** im Zeitraum vom 11.Jänner 1992 bis 12. April 1994 bei 14 Einzelverzollungsvorgängen,
bb) Udo V***** mit Siegfried Sch***** im Zeitraum vom 10.April 1993 bis 6.November 1993 bei fünf Einzelverzollungsvorgängen,
bc) Udo V***** mit Wilhelm M***** am 18.Dezember 1993 bei drei Einzelverzollungsvorgängen,
bd) Udo V***** mit Peter W***** am 22.Jänner 1994 bei vier Einzelverzollungsvorgängen,
be) Udo V***** mit Herbert R***** am 5.März 1994 bei sieben Einzelverzollungsvorgängen,
bf) Udo V***** mit Friedrich M***** im Zeitraum vom 18.Juni 1994 bis 2. Juli 1994 bei zehn Einzelverzollungsvorgängen,
ca) Manfred G***** mit Peter W***** am 20.November 1993 bei zwei Einzelverzollungsvorgängen,
cb) Manfred G***** mit Herbert R***** am 5.Februar 1994 bei drei Einzelverzollungsvorgängen,
da) Konrad T***** mit Siegfried Sch***** im Zeitraum vom 30.Jänner 1993 bis 23.Oktober 1993 bei drei Einzelverzollungsvorgängen,
db) Konrad T***** mit der nicht dolos handelnden Brigitte St***** (K*****-K*****) am 29.Jänner 1994 bei fünf Einzelverzollungsvorgängen,
e) Hannes T***** und Herbert R***** im Zeitraum vom 26.Februar 1994 bis 10.Dezember 1994 bei zehn Einzelverzollungsvorgängen,
fa) Harald M***** mit dem nicht dolos handelnden Karl Z***** am 18. Jänner 1992 bei zwei Einzelverzollungsvorgängen,
fb) Harald M***** mit Siegfried Sch***** am 4.April 1992 bei zwei Einzelverzollungsvorgängen,
fc) Harald M***** mit Franz St***** am 16.Jänner 1993 bei fünf Einzelverzollungsvorgängen,
ga) Bruno L***** mit Franz St***** im Zeitraum vom 10.Oktober 1992 bis 20.März 1993 bei 16 Einzelverzollungsvorgängen,
gb) Bruno L***** mit dem nicht dolos handelnden Karl Z***** am 24. Oktober 1992 bei einem Einzelverzollungsvorgang,
ha) Hubert Sch***** mit Franz St***** im Zeitraum vom 12.September 1992 bis 9.Dezember 1994 bei neun Einzelverzollungsvorgängen,
hb) Hubert Sch***** mit Herbert R***** im Zeitraum vom 13.März 1993 bis 12. November 1994 bei 22 Einzelverzollungsvorgängen,
hc) Hubert Sch***** mit Wilhelm M***** am 28.August 1993 bei einem Einzelverzollungsvorgang,
hd) Hubert Sch***** mit Peter W***** am 23.April 1994 bei sechs Einzelverzollungsvorgängen,
he) Hubert Sch***** mit dem nicht dolos handelnden Gerhard H***** am 14. Mai 1994 bei einem Einzelverzollungsvorgang,
i) Othmar M***** mit Peter W***** am 12.Oktober 1994 bei vier Einzelverzollungsvorgängen.
Die Staatsanwaltschaft bekämpft die Freisprüche mit einer auf die Nichtigkeitsgründe der Z 4, 5 und 9 lit a des § 281 Abs 1 StPO gestützten Nichtigkeitsbeschwerde, der Berechtigung zukommt.
Das Schöffengericht ging davon aus, daß die Angeklagten in objektiver Beziehung die inkriminierten Vorgangsweisen verwirklicht und hiedurch Möglichkeiten geschaffen haben, Waren sanktionslos der Stellungspflicht zu entziehen und Deliktshandlungen in Form von Schmuggel oder Falschdeklarationen zu setzen (US 34 f). Es hielt jedoch die subjektiven Tatseiten für nicht erwiesen. Dabei faßte das Gericht seine erheblich durch die Wiedergabe von Verfahrensergebnissen geprägten und insoweit keine Würdigung enthaltenden Erwägungen dahin zusammen, "die Behauptung sämtlicher Angeklagten, sie seien sich nicht hinreichend bewußt gewesen, daß sie das Verbrechen des Amtsmißbrauchs begangen hätten", müsse als nicht widerlegbar angesehen werden, weil den Angeklagten nicht unterstellt werden könne, "daß sie trotz eindeutiger anderer gesetzlicher Anordnungen wider besseres Wissen gehandelt hätten" (US 45 f). Neben diesem Ausspruch, welcher für sich allein betrachtet auch das Verständnis zuläßt, die Angeklagten seien in einem strafgesetzlichen Subsumtionsirrtum befangen gewesen oder ihr Verhalten habe nicht eindeutig einer gesetzlichen Norm widersprochen, verwies das Erstgericht noch hilfsweise unter Bezugnahme auf die angenommene Arbeitsüberlastung der Angeklagten auf die Rechtsprechung, wonach Verhaltensweisen, die sich aus unzulänglichen Bedingungen des Arbeitsbetriebes ergeben, nicht als Mißbrauch der Amtsgewalt beurteilt werden können. Zu diesem Begründungselement sei vorweg angemerkt, daß die einschlägige Judikatur Fälle betrifft, bei denen objektiv mißbräuchliches passives Verhalten von Beamten durch die Arbeitsbedingungen verursacht wurde, weshalb jeweils ein Schädigungswille nicht festzustellen war. Im vorliegenden Fall geht es aber um aktives Fehlverhalten von Beamten und die Klärung, ob sie beim Mißbrauch ihrer Befugnisse wissentlich gehandelt haben, weshalb die vom Erstgericht angenommene Vergleichbarkeit der Konstellation nicht gegeben ist.
Bei Feststellung des objektiven Sachverhalts folgte das Schöffengericht den Angaben des Zolldeklaranten Harald R*****, von dem das Gericht im übrigen annahm, er sei sich bei den Tatveranlassungen völlig bewußt gewesen, daß die angestifteten Zollbeamten "nicht gesetzmäßig bzw den Vorschriften entsprechend" vorgingen (US 34).
Mit der Mängelrüge (Z 5) zeigt die Anklage- behörde im Ergebnis zutreffend auf, daß der erstgerichtliche Standpunkt bezüglich der mit dem Tatgeschehen verbundenen Willensinhalte der Angeklagten unzureichend begründet ist.
Sowohl die mit Recht hervorgehobene leichte Erkennbarkeit der stattgefundenen Vereitelung des Gesetzeszwecks als auch die Annahme, der Speditionsangestellte R***** habe mit Unrechtsbewußtsein gehandelt, hätten eine nähere Begründung erfordert, weshalb unter diesen Umständen den Angeklagten als ausgebildeten Zollbeamten das Wissen über ihre aktuellen Befugnisse gefehlt haben soll. Die in den Entscheidungsgründen wiedergegebenen Erwägungen über die Verwechslung der Begriffe "Abstandnahme von der Beschau" und "Stellungspflicht" vermögen nämlich keine zureichende Basis für die umfassende Annahme zu bilden, daß auch die wahrheitswidrige Bestätigung einer Stellung von Waren ohne Rücksicht darauf, ob insoweit überhaupt noch Maßnahmen der allgemeinen Zollaufsicht zielführend sein konnten, durch einen solchen Irrtum als rechtmäßige Maßnahme erschienen sein soll.
Dazu kommt als weiterer Mangel eine Unvoll- ständigkeit der Entscheidungsgründe, weil die gegen das gefundene Ergebnis sprechenden Verfahrensumstände, wonach andere Zollbeamte zu derartigen Vorgangsweisen nicht bereit gewesen seien und Harald R***** stets auf das Einschreiten bestimmter Zollbeamter gewartet habe (S 103/III), in den Urteilsgründen keiner Erörterung unterzogen wurden.
Die Begründungsmängel erfordern eine Aufhebung des angefochtenen Urteils und die Anordnung einer Erneuerung des Verfahrens erster Instanz (§ 288 Abs 2 Z 1 StPO). Hiedurch wird das Eingehen auf weitere Beschwerdeeinwände entbehrlich, weshalb nur noch am Rande angemerkt sei, daß mit der im Rahmen der Rechtsrüge vorgetragenen Kritik an den Urteilserwägungen zur Subsumierbarkeit des Tatverhaltens als Vergehen nach § 311 StGB in Wahrheit ein weiterer Begründungsmangel aufgezeigt wird, der dem Erstgericht beim Ausspruch über einen Aspekt der subjektiven Tatseite unterlaufen ist.
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